Größenwahn und Höhenangst – Kunst based in Berlin

teile diesen Link mit deinen XING-Kontakten

Letzten Sonntag war ich bereit für based in berlin. Ich fuhr in den Monbijoupark, den zentralen Ausstellungsort. Kuratorenführung um 14 Uhr, neugierig und – zugegeben – voreingenommen nach all den Turbulenzen, die die ursprünglich als Leistungsschau initiierte Ausstellung in der Öffentlichkeit provoziert hatte. Vor Ort um mich her sonntägliches Treiben (in dem Park darf ja gegrillt werden!!) bei schönstem Sommerwetter. Um viertel nach zwei warte ich gemeinsam mit vier anderen auf die im Programm angekündigte Führung. Auf Nachfrage greift die Dame im Infopavillion zum Telefon. Schließlich wissen wir: drei Kuratoren sind nicht zuständig, Nummer vier und fünf nicht erreichbar. Das war schonmal nix. Aber ich fühle mich angenehm befreit und kann losziehen, ohne dass mir jemand sagt, was ich sehen und denken soll.

Ich umrunde zunächst das gesamte Areal und versuche, mir einen Überblick zu verschaffen. Warum tun wir hier eigentlich immer so, als sei Berlin eine ewige Ruinenstadt? Wenn alles angegammelt, marode und graffitiüberzogen aussieht, dann kann das nur Berlin sein. Inzwischen aber verbergen sich hinter dieser Ruinenästhetik wohl durchdachte Marketingkonzepte. Wer glaubt denn wirklich noch allen Ernstes, der Freischwimmer oder der Club der Visionäre werden von einer handvoll improvisierender StudentInnnen betrieben? Mandla Reuters Beitrag zu based in berlin ist es, die Fensterfassade des Atelierhauses in den Neuen Berliner Kunstverein verfrachtet zu haben. Wirklich aufregend. Mich interessiert vor allem die Frage, ob das Atelierhaus nach der Ausstellung stehenbleibt (Antwort im Infopavillion: natürlich!) oder abgerissen wird (Presse: ja). Wie verschwenderisch hier mit vorhandenem Potential umgegangen wird, sehen wir ja keine 500 Meter am Tacheles.

Gut, ich habe meinen Überblick und betrete die Ausstellungsräume. Wenn ich richtig gezählt habe, sind hier 34 der insgesamt 80 beteiligten Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Die Kunst kann ich einigermaßen leicht daran erkennen, dass in unmittelbarer Nähe zuverlässig ein Zettel mit Name, Titel und Erläuterung an der Wand klebt. Super, so habe ich eine Leitplanke für mein Denken, das schon bald vor sich hingrummelt. Zu viel brave Langeweile, in erster Linie in Form von mehr oder weniger raumgreifenden Installationen. Keine Überraschung, nichts Unerwartetes und vor allem: keine Sinnlichkeit.

Aber ich bin ja hier, um zu entdecken. Also gehe ich langsam von Raum zu Raum, schaue und schaue. Wenn es wahr ist, dass ich nur sehen kann, was ich schon weiß, dann bin ich vielleicht einfach zu unwissend. Beispiel: Ich sehe gerahmt in Reih und Glied hängend 12 nahezu identische Briefe, in denen es um irgendeinen Stromausfall geht. Rechts davon auf dem Boden ein kleines Podest, auf dem ein Kreis aus irgendwas gefertigt liegt. Worum geht es hier? Ein Aufruf zum Strom Sparen, eine Reaktion auf Fukushima? Scheint mir weit hergeholt. Vielleicht hilft mir die Zahl 12 weiter. 12 Monate, 12 Stunden, 12 Jünger, 12-Fingerdarm … Ich entschließe mich, den Begleittext zu lesen. Ich erfahre, dass die “Gemeinschaften von Objekten” der Künstlerin Nina Canell “still miteinander agieren durch schlichte Arrangements oder ausbalancierte Antriebe (…)”. Mir ist das allzu still. Ich fühle mich stark erinnert an ein Buch, das ich kürzlich gelesen habe (Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst, von Christian Saehrendt und Steen T. Kittl – sehr zu empfehlen). Wer dieses Buch gelesen hat, fühlt sich in solchen Situationen nicht länger dumm oder alleine.

Ich gehe weiter und lese immer mehr solcher Erläuterungen. Und in diesen kleinen weißen Zetteln an der Wand entdecke ich allmählich einen roten Faden in dieser Ausstellung: das hohe Maß an Erklärungsbedarf der Arbeiten. Allerdings finde ich auch erfreuliche Ausnahmen. So die Arbeit von Kajsa Dahlberg. In akribischer Kleinarbeit hat sie alle in Berliner Bibliotheken zugänglichen Exemplare von Virginia Woolfs Buch “Ein Zimmer für mich alleine” nach handschriftlichen Anmerkungen durchsucht. Diese Anmerkungen hat sie in einem einzigen Exemplar zusammengeführt. Dieses steht nun hundertfach im Look eines Reclamheftchens in Regalen. Ich schlage eins auf, und augenblicklich ergibt sich für mich eine faszinierende Lesart ds Buches. Hin und herspringend lese ich Woolfs Worte durch die Gedanken von anderen hindurch.

Vielfach gab es Ansätze, die Produktion von Kunst Maschinen zu überlassen, diese Konstruktionen selbst dann zum eigentlichen Kunstwerk zu erklären. So geht auch Rocco Berger vor mit seiner Arbeit Oil Painting. Das Prinzip ist sehr schlicht. An mehreren Stellen tröpfelt Altöl auf eine von einem Ventilator bewegte Plastikplane, verteilt sich in unregelmäßigen Bahnen teils großspurig, teils filigran, während es nach unten läuft. Unten angekommen, wird das Öl wieder gesammelt. Allerdings geht viel daneben, der Raum ist eine einzige Schweinerei. Die Plane aber fasziniert mich. Da ist die Sinnlichkeit, die ich in fast allen Arbeiten vermisse. Es muss das Öl sein, das immer irgendwie männlich aussieht (erinnert ihr euch an James Dean, der gerade in Kampf der Giganten auf seinem Grundstück Öl entdeckt hat? Was für ein Anblick.) Ich wähle mir ständig neue Ausschnitte auf der Plane und erkläre sie zu meinen Lieblingsstellen. Aber diese Bilder sind nicht für die Dauer gemacht, sie sollen wieder zerfließen. Wie schön, dass ich eine Kamera dabei habe.

Ich möchte nicht allzu viel Zeit darauf verwenden, all diese Hohlheit und Belanglosigkeit zu beschreiben, die es sonst noch zu sehen gibt. Aber zwei Arbeiten muss ich erwähnen, weil die in diesen Disziplinen tatsächlich den Pokal verdienen. Asaf Koriat zeigt auf einem Monitor gleichzeitig neun verschiedene Auftritte von Stars bei einem wichtigen Ereignis. Sie singen jeweils die amerikanische Nationalhymne, und das höre ich jetzt auch zeitgleich. Natürlich ergibt sich dabei eine unglaubliche Disharmonie, selbst wenn Celine Dion und Whitney Huston persönlich mitwirken. Aber, ja und? der Effekt hat sich schnell verbraucht, ist nach den ersten Takten nichts weiter als klamaukige Unterhaltung, die bald langweilt. Und Nationalhymnen zu verhohnepiepeln ist noch keine kritische Haltung, ist irgendwie gar nichts. Bestenfalls taugt das als Arbeit einer Schüler-Kunst-AG. Die zweite Arbeit, die den Pokal für Hohlheit und Belanglosigkeit erhält, ist das Video The Allens von Erik Bünger. Ich sehe Woody Allen da stehen und reden. Ich verstehe nur Bruchstücke, denn der Ton ist ein Zusammenschnitt unterschiedlichster Synchronstimmen. Ja und, geht’s noch trivialer? In den letzten dreißig Jahren gab es immer wieder Gelegenheit, Horst Tappert als Derrick in diversen Synchronfassungen zu sehen (immerhin die meistverkaufte deutsche Serie der Fernsehgeschichte). Und wie lustig, den vetrauten Komissar Japanisch reden zu hören. Aber das war’s dann auch schon, oder? Also schnell weg, was anderes sehen. Doch der Rückweg führt mich unweigerlich an einer anderen Arbeit vorbei, die ich bisher einfach übersehen wollte, Trevor Lloyds Mom. In Berlin angekommen stellt Lloyd fest, dass er kein Bild seiner Mutter dabei hat. Also fertigt er aus der Erinnerung diverse Zeichnungen ihres Gesichtes, während er mit geschlossenen Augen auf dem Kopf steht (Baselitz lässt grüßen). Diese Zeichnungen sowie das gefundene Foto eines Schäferhundes gucke ich mir an und denke, dass da einiges an Therapiebedarf besteht. Konnten sich die KünstlerInnen die Räume selbst aussuchen? Lloyds Arbeit befindet sich eindeutig in dem idyllischsten …

Ich gehe weiter. Meine Bereitschaft, mir auf der Suche nach Sinn all diese Erläuterungen durchzulesen, schwindet deutlich. Also beschließe ich, nun endlich den mönströsen Gerüstaufbau zu besteigen. Auf dem Weg dahin durchquere ich einen Raum, der ebenso gut das spartanisch ausgestattete Store irgendeines Sportmode-Labels sein könnte. Ist diese Vermischung beabsichtigt? Ich riskiere doch nochmal einen Blick auf die Erläuterung. Ryan McLaughlin hat tatsächlich Humor, zumindest beschränkt sich der Text auf die Wiedergabe eines Witzes. Und auch wenn mir der ganze Zusammenhang nicht klar wird, da hängt ein Bild, das mir einfach gefällt.

Jetzt möchte ich mich nicht länger drücken. Ich will mir ansehen, was oben auf dem Gerüst steht. Und … ich habe Höhenangst. Ich weiß schon jetzt, dass der Abstieg noch schwieriger wird. Ich hoffe, dass mich wenigstens die Aussicht entschädigt. Oben angekommen wird mir klar, dass das nun wirklich der Gipfel ist, und zwar von allem. Dass Produkte, erfolgreiche zumal, ständig kopiert werden, ist keine große Neuigkeit. Hier werden solche vermeintlichen Imitate, auch wenn sie inzwischen mit Importverbot belegt sind, nicht nur ausgestellt, sondern auf einen gigantischen Sockel gehoben. Das war’s. Also stehen da oben drei (oder vier? ich hab’s vergessen) Autos aus China, die einem  deutschen Automodell zu sehr ähneln sollen. Tja, die Aussicht ist auch nicht wirklich beeindruckend. Da fällt mir ein Liegestuhl auf (siehe Foto). Der Text scheint mir gerade sehr gut zu passen, zu dieser Arbeit ebenso wie zu dem Größenwahn des ganzen Ausstellungsprojektes. Ich mache mich an den Abstieg.

Es sind übrigens sehr viele Menschen unterwegs, die ebenso wie ich umhergehen, schauen, lesen. Mir fällt auf wie gleichgültig sie bleiben, als sei den meisten im Grunde egal, was sie da sehen. Ich bekomme auch kaum Unterhaltungen mit – aber vielleicht liegt das an der Temperatur, es ist recht heiß. Bei einem Kaffee geht mir alles wieder durch den Kopf, was über diese Ausstellung zu lesen war, seit Herr Wowereit seine “Leistungsschau” ausgerufen hatte. Acht (8!) Kuratoren, 1,6 Mio. € – zuviele Köche verderben tatsächlich den Brei. Und kostengünstiger wäre es auch gegangen. Alle weißen Erläuterungszettel zu einem kleinen Heftchen gebunden (in gelb), das hätte auch gereicht. In den jeweils realisierten Arbeiten kann ich nicht wirklich ein Mehr entdecken, das den ganzen Aufwand rechtfertigt.

5 Responses to 'Größenwahn und Höhenangst – Kunst based in Berlin'

  1. edmund piper sagt:

    So in etwa habe ich mich auch gefühlt, als ich die Ausstellung besuchte.

  2. Rocco Berger sagt:

    hallo,
    ich finde sehr gut, mit welcher bemerkenswerten Feinfühligkeit du die Situation erfasst hast,

    und da ist keine Entschädigung in Sicht.

    schade schade

    ich würde mich sehr freuen mehr von dir zu lesen und zu hören,
    wie wäre es mal mit einem Kaffee?

    Beste Grüsse
    Rocco

    • Ben sagt:

      Hallo Rocco,

      gerne mal auf einen Kaffee (bin allerdings tagsüber meistens in der Galerie).
      Schlag einfach einen Termin vor – kannst mir ja auch gerne ne Mail schicken).

      herzliche Grüße Ben

  3. Hannah sagt:

    Schade, dass Dir die Arbeiten von Koriat und Laric nicht gefallen haben – ich fand beide richtig spannend (Nationalsymbolik und Celebritymythen dekonstruieren; mit Readymades und Fälschungen im Angesicht der Museumsinsel, wo der Originalkult gepflegt wird, spielen – das kann man doch machen), wie das meiste andere auch. Ich habe mit Freunden gesprochen, die sonst nichts mit Gegenwartskunst am Hut haben, die Ausstellung aber ganz anregend fanden.
    Die Zahlen sind übrigens falsch – 1,4 Mio., davon ein Drittel für die Kunst selbst, fünf Kuratoren.
    Um den Erhalt des Gebäudes wird derzeit mit der Politik gestritten; den Einzug verstehe daher ich nicht als Ruinenromantik, sondern als wirklich nötiges politisches Statement.

    • Ben sagt:

      Hallo Hannah,

      natürlich “kann man das machen”. Ich glaube nur nicht, dass Dekonstruktion mit solch schlichtem Aha-Effekt zu erreichen ist. Ich habe mich drei Stunden auf dem Ausstellungsgelände aufgehalten, habe 1470 Worte darüber geschrieben. Also gebe ich gerne zu: auch für mich war die Ausstellung anregend. Ich komme nur nicht zu dem Ergebnis, dass ich mit allem einverstanden bin. Also sage ich, was ich denk, und lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen :-)

      Die Zahlen? Der Presse konnte ich an verschiedenen Stellen 1,6 bzw. 1,7 Mio. entnehmen. Zweihunderttausend mehr oder weniger macht da meiner Ansicht nach keinen großen Unterschied. Freut mich tatsächlich zu hören, dass die KünstlerInnen einen so großen Anteil des Geldes erhalten haben.
      Und ich weiß: fünf Kuratoren; ich habe etwas großzügig Christine Macel, Hans Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach mitgerechnet, die ja als Berater ihren Anteil an der Geschichte haben.

      Und ich würde mich wirklich freuen, wenn das Gebäude erhalten bliebe – und zwar bezahlbar für die Menschen, die Kunst produzieren. Warten wir ab.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

Have you Subscribed via RSS yet? Don't miss a post!