Kunstwerk des Monats – das Berlin Laughter Project

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Knapp vor Monatsende habe ich mich endlich entschieden für das aktuelle Kunstwerk des Monats.

Das Haus der Kulturen der Welt veranstaltet im September das Projekt Meridian | Urban im Rahmen der 8. Asien-Pazifik-Wochen. Nachwuchskuratoren waren eingeladen, Ideen einzureichen, die sich mit dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft zur Gesundheit auseinandersetzen. Ideen, die dann im öffentlichen Berliner Raum präsentiert werden sollten. Aus 42 eingereichten Projekten wurden fünf ausgewählt, die in den ersten beiden Septemberwochen zu sehen waren.

An einem der wenigen warmen Spätsommernachmittage bekomme ich den dazu gehörigen Flyer zufällig in einem Kreuzberger Biergarten in die Hände. Neugierig geworden mache ich mich eine Stunde später auf den Weg zum Kottbusser Tor. Dort, so hatte ich gelesen, würden der Künstler Norbert Francis Attard und die Künstlerin Simone Eisler zwischen 18 und 19 Uhr einen ihrer Lach-Meridiane installieren.

Ich komme zeitig am Kotti, parke mein Rad und schaue mich um. Zum Lachen sieht hier eigentlich gar nichts aus. Alles so abgerissen wie eh und je. Von einem Laternenpfahl lächelt mir müde der Linke-Kandidat Herr Ernst zu. Dieses Wortspiel immerhin amüsiert mich. Am Kreisverkehr überquere ich zweimal die Straße. All die Radfahrer erinnern mich daran, wie oft ich selbst schon an dieser Stelle von Autofahrern gefährlich geschnitten wurde. Das ist ganz und gar nicht lustig. Ich höre (Trillerpfeife) den hartnäckigsten Demonstranten Kreuzbergs auf seinem Fahrrad daher kommen. Seit Jahren demonstriert er Tag für Tag, bei jedem Wetter für sein Wahlrecht. Ich bewundere ihn, zum Lachen ist da auch nichts.

Dann sehe ich gleich neben dem Gemüsehändler ein kleines Grüppchen stehen. Sie fallen auf, weil ein Filmteam sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Ich bin also am Lach-Meridian angekommen. Auf dem Boden liegen mehrere kreisförmige Bilder von herzlich lachenden Menschen jeden Alters. Ich beobachte und warte ab. Schließlich stellen sich alle in einen Kreis, schließen die Augen, sammeln sich kurz, gehen dann auseinander und fangen an zu lachen. Ja, sie lachen einfach. Klopfen sich auf die Schenkel oder gegenseitig auf die Schultern, laufen umher und lachen aus vollem Hals. Was anfangs noch etwas gekünstelt wirkt, ist ganz schnell echt. Die Passanten beobachten, einige mit Skepsis, die meisten amüsiert, immer öfter muss jemand herzlich mitlachen. Der Gemüsehändler hinter mir sagt:“Das hat am Kotti noch gefehlt. Jetzt ist das Kottbusser Tor komplett.“

Die lachende Gruppe macht inzwischen allerlei Quatsch zusammen, sowas Hübsches wie in einer Schlange stehen, gemeinsam ein fiktives Motorrad besteigen, den Motor aufheulen lassen und losbrausen. Wieder schallendes Gelächter. Die Umstehenden amüsieren sich mit und viele können lachen.

Dann, abrupte Stille. Eine der Frauen greift sich das Megaphon und betont, wie peinlich solches Verhalten sei. Einige der anderen halten mit ernster Miene Schilder hoch: Lachen verboten! Grober Unfug! und ähnliches ist zu lesen. Es folgt eine offizielle Pause. In der Zeit komme ich mit einer Frau ins Gespräch. Sie fragt mich, warum diese Menschen alle lache. Exiliranerin, seit 17 Jahren in Berlin. Sie erzählt mir von ihrer Zeit im Gefängnis, von Todesstrafen und Flucht und von der Familie, die über drei Kontinente verstreut lebt; von ihrer Hoffnung auf Demokratie und auf Rückkehr in ihre Heimat. Da ist wirklich nichts zum Lachen. Sie hält die Deutschen für ein tolles Volk, ist dankbar für die Freiheit, die sie hier leben kann. Dann lacht sie mit mir, mit anderen Passanten, lacht aus vollem Hals. Nicht ohne mir zu versichern, dass sie besser erst gar nicht damit anfängt, sonst würden alle flüchten. Aber niemand flüchtet, wir lachen einfach.

Die zweite Runde der schon beschriebenen Inszenierung startet. Ich schaue noch ein wenig dem Filmteam zu, das die Umstehenden interviewt. Dann schlendere ich zurück zu meinem Rad – beschwingt und in allerbester Laune. Ich habe nichts wirklich Neues oder Überraschendes erlebt. Aber diese Vorstellung hat eine längst bekannte Erkenntnis aufs Angenehmste lebendig gemacht: dass Lachen nämlich gesund ist, gute Laune produziert und die Menschen miteinander verbinden kann. Das ist weitaus mehr als die meisten Galerie- und Museumsbesuche vermögen – leider.

Das Wort “Kunst” übrigens habe ich am Kotti nicht ein einziges Mal gehört. Wie schön , dass in diesem Fall eine solche Kategorie weder fehlte noch überhaupt nötig war. Alles in allem habe ich also reichlich gute Gründe, dieses Projekt zum Kunstwerk des Monats zu erklären!

(Der beteiligte Nachwuchskurator ist übrigens Orlando Britto Jinorio. Aber was ist sein Anteil, wer von den dreien hat sich was ausgedacht, und warum können KünstlerInnen heute ihre Ideen nicht mehr selbständig vorschlagen und umsetzen? Kann mir das jemand erklären?)

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