Kunstkacke

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Als wir kürzlich mal wieder davon sprachen, wie der Kunstmarkt funktioniert, was alles den Weg in Galerien, Museen oder Sammlungen findet und was eben nicht, entwickelte ich spontan folgendes Projekt: Ich führe ein Jahr lang täglich exakt Buch über alles, was ich an Essen und Getränken zu mir nehme (wie entlarvend!). Und jeden Morgen konserviere ich meine Ausscheidungen, nicht ohne sie vorher fotografisch dokumentiert zu haben. Die Dose wird sorgfältig etikettiert, der Inhalt in seiner ursprünglichen Form aufgelistet. Also z.B.: 3 Tassen Kaffee mit Milch, 2 Scheiben Vollkornbrot mit Butter, 1 x Blauschimmelkäse, 1 x geräucherter Schinken und so weiter. Vielleicht zeigt das Etikett auch jeweils eine vorher-nachher Fotografie des Essens. Nach einem Jahr habe ich 365 Dosen und eine exakte Dokumentation meiner Essgewohnheiten. Ich konnte mich in diese Idee immer mehr hineinsteigern, sogar kulturkritische (Essgewohnheiten), politische (wo kaufe ich eigentlich ein?) Ansätze darin entdecken. Und ich wurde mir immer sicherer, dass es möglich wäre, Tages-, Wochen- oder gar Monatsrationen an kunstinteressierte Käufer zu bringen, die es zu schätzen wüssten, dass jemand ein solch gesellschaftskritisches Projekt durchzieht. Und zugleich zeige ich es dem ganzen Kunstmarkt.Wenn ihr beschissen werden wollt – könnt ihr haben. Wie berechne ich den Preis je Dose? Vielleicht Gewicht mit meinem Alter multipliziert? Nein, zu preiswert, besser mein Geburtsjahr. Irgendwann stoppte Hannah meinen Ideenschwall, das sei doch eklig und überhaupt. Kunst? Nein, das hat nichts mit Kunst zu tun. Okay, ich habe mit diesem von mir für sehr lukrativ erachteten Projekt tatsächlich noch nicht begonnen, nur ab und zu morgens auf der Toilette daran gedacht.

Dann las ich vor wenigen Tagen in einem hübschen Buch über moderne Kunst (ich werde in diesem Blog noch darauf zurückkommen) von einem Piero Manzoni, italienischer Konzeptkünstler. Und der hat genau das tatsächlich gemacht. 30 Gramm seiner Scheiße in 90 Konservendosen geruchsdicht abgefüllt, durchnummeriert, etikettiert mit „Künstlerscheiße“ in diversen Sprachen. Im Jahr 1961. Hat sich das Gewicht seiner Scheiße in entsprechender Menge Gold bezahlen lassen. Die einen fanden dieses Werk radikal, andere sahen darin ein Zeichen für Degeneration und Dekadenz. Auf jeden Fall konnte er alle 90 Dosen verkaufen. Heute sind sie in aller Welt verstreut, haben bei Kunstauktionen beachtliche  Summen erzielen können. Es heißt, dass auch schon Dosen explodiert seien. Agostino Bonalumi, ein Mitarbeiter Manzonis, behauptete angeblich, dass der Inhalt der Dosen aus Gips bestünde.

Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye hat eine Maschine entwickelt, die den menschlichen Verdauungsvorgang simuliert und dabei Exkremente produziert, die optisch von unseren nicht zu unterscheiden sind. Die werden dann eingeschweißt und … natürlich verkauft.

Erst war ich etwas enttäuscht von diesen Geschichten. So originell war meine Idee also gar nicht, und jemand anders hatte schon vor mir abkassiert. Aber dann … faszinierend! Zu was Menschen sich doch hinreißen lassen, um als kultiviert (kunstinteressiert? Ist das das selbe?) zu gelten. Das ist nichts anderes als eine moderne Kunstversion von des Kaisers neuen Kleidern. Noch einmal: Wenn ihr beschissen werden wollt, könnt ihr haben.

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